Es lebe das Mittelmaß!

94 Prozent der Collegeprofessoren in den Vereinigten Staaten glauben, dass sie ihre Arbeit besser machen als ihre Kollegen. Und jeder vierte Student ist der Meinung, zum leistungsfähigsten einen Prozent der Studierenden zu gehören. Diese Umfrageergebnisse zitieren die Philosophen Albert Newen von der Uni Bochum und Gottfried Vosgerau von der Uni Düsseldorf in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Gehirn & Geist“.

Jedem Leser ist sofort klar, dass die Selbsteinschätzungen schon aus statistischen Gründen falsch sein müssen. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die meisten Professoren und Studenten sind Mittelmaß. Das liegt nahe. Man kann davon ausgehen, dass Talent und Intelligenz auch in der akademischen Welt normalverteilt sind.

Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit finden sich die meisten Menschen irgendwo um den Durchschnittswert herum wieder. Extreme Abweichungen nach unten oder oben sind selten. Beim Intelligenzquotienten zum Beispiel wird der Mittelwert als 100 definiert. Die große Mehrheit der Menschen weist einen IQ zwischen 85 und 115 auf. Genies und geistig völlig Minderbemittelte gibt es nur sehr wenige; Experten setzen den Anteil auf jeweils zwischen zwei und fünf Prozent an.

Mittelmaß bedeutet nicht Mittelmäßigkeit

Es wäre also keineswegs eine Schande, sich zum Mittelmaß zu bekennen – man befände sich sogar in bester Gesellschaft. Trotzdem wagen es nur wenige. Und kaum eine Firma würde in einer Stellenanzeige auf die Idee kommen, einen mittelmäßigen Ingenieur, einen mittelmäßigen Betriebswirt oder einen mittelmäßigen Juristen zu suchen. Was bei Juristen besonders absurd scheint, weil in ihrem besonderen Notenkosmos nur 15 Prozent eine Note erreichen, die besser als „befriedigend“, also Mittelmaß, ist. Stattdessen reden alle von Hochbegabtenförderung, Exzellenzinitiative und Leistungseliten.

„Mittelmaß heißt nicht Stillstand“

Dabei verwechseln die Exzellenz-Advokaten Mittelmaß mit Mittelmäßigkeit. Mittelmäßigkeit ist in der Tat nicht lobenswert, denn sie bedeutet, dass man Besseres leisten könnte, wenn man nur wollte. Mittelmäßigkeit ist das Resultat von Trägheit und mangelndem Leistungswillen. Mittelmaß hingegen kann das Ergebnis großer Anstrengung sein – die aber an ihre natürlichen Grenzen stößt.

Das lässt sich am Beispiel eines Hobby-Marathonläufers anschaulich machen: Wer die 42,195 Kilometer lange Strecke in um die vier Stunden bewältigt, ist Mittelmaß. Den Weltrekord der Männer erreichte 2008 Haile Gebrselassie in etwa der Hälfte der Zeit, nämlich zwei Stunden, drei Minuten und 59 Sekunden. Aber wer käme auf die Idee, einem solchen Hobbyläufer Mittelmäßigkeit vorzuwerfen? Schließlich musste er für seine Leistung heftig trainieren und gelangte an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit.

In den meisten Jobs wären die Top-Kräfte unterfordert

Warum weigern wir uns dann, in der Schule, an der Uni und im Berufsleben das Mittelmaß wertzuschätzen? Die meisten Jobs, die in Wirtschaft und Verwaltung ausgeschrieben werden, verlangen überhaupt nicht nach einem Genie. Die besten Voraussetzungen, um sie erfolgreich zu bewältigen, bestehen in Fleiß, Durchhaltevermögen und Gewissenhaftigkeit – und zusätzlich einem gerüttelt Maß an Frustrationstoleranz. Das gilt für Ingenieure und Fachkräfte, die in Teams an kleinen Verbesserungen bestehender Maschinen oder eines Produktionsprozesses arbeiten, ebenso wie für Juristen, die alltägliche Verträge schreiben und überprüfen müssen.

So sieht das auch die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern, Professorin für Lehr-Lern-Forschung an der ETH Zürich. In einem „FAZ“-Interview sagte sie: „Für die meisten Anforderungen auch im akademischen Bereich muss man kein Überflieger sein, und ein Weniger an Intelligenz kann durch ein Mehr an Fleiß ausgeglichen werden.“

Das Mittelmaß neu schätzen lernen

Top-Super-Spitzenkräfte würden bei den meisten Aufgaben in den meisten Unternehmen aus Unterforderung vor die Hunde gehen. Und die meisten Studenten haben mehr von einem mittelmäßigen, aber engagierten Professor als von einem genialen Kopf, der sich nicht um sie kümmert. Vorausgesetzt natürlich, der mittelmäßige Professor bekennt sich zu seinem Mittelmaß und hält sich nicht selbst für ein Genie. (In Wirklichkeit ist der große wirtschaftliche Erfolg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einigen wenigen Genies zu verdanken, sondern einem fleißigen Mittelmaß – einem breiten, gut ausgebildeten Mittelstand von Fachkräften, die in normalen Schulen und Universitäten ausgebildet worden sind. Das Gegenbild stellten die USA dar: Sie brachten so viele Nobelpreisträger hervor wie kein anderes Land der Welt. Ein großer Teil der Arbeitskräfte ist hingegen nur notdürftig angelernt.)

Das festzustellen heißt zum einen, dass wir das Mittelmaß neu schätzen lernen müssen. Es hat zum anderen auch Konsequenzen für unsere Bildungspolitik – und zwar jenseits aller traditionellen linken Elitenfeindlichkeit, die auf ideologischen Gleichheitsannahmen beruht. Der deutschen Volkswirtschaft ist am meisten gedient, wenn die Gesellschaft das Gros ihrer Ressourcen in die Förderung des Mittelmaßes investiert. Kurz: in viele gute Schulen und Universitäten statt in wenige Eliteeinrichtungen für eine winzige Minderheit. Den vielen Benachteiligten die Chance zu eröffnen, Mittelmaß zu werden, bringt volkswirtschaftlich gerechnet mehr, als die wenigen Exzellenten noch besser zu machen.

Natürlich brauchen wir weiterhin Eliten. Natürlich können wir auf Exzellenz nicht vollständig verzichten. Die große Mehrheit der Menschen sollte aber selbstbewusst sagen dürfen: Ich bin stolz, Mittelmaß zu sein.

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/wider-den-exzellenz-kult-es-lebe-das-mittelmass-a-748287.html

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